Sola scriptura – Die Schrift allein?

„Die Schrift allein?“, Joel Peters Buch hilft Zweifel über das richtige Verständnis des Zusammenhangs von Schrift und Kirche zu klären.

Von Wolfram Schrems

In den Wirren nach dem II. Vaticanum verschwanden für viele Katholiken die Orientierungshilfen in Glaubensfragen. Das galt besonders für diejenigen, die etwa in den 80er Jahren (für sie selbst überraschend) zu einem vertieften Glauben fanden. Manche machten sich selbständig auf die Suche und begannen, sich mit der hl. Schrift zu beschäftigen. Einige wandten sich dabei an protestantische Literatur. Andere begegneten evangelikalen Predigern und wurden durch deren Feuer und Redegewandtheit (oder Suggestivkraft) beeindruckt. Und da Glaubenseifer und Glaubenswissen unter Katholiken und in den Pfarren und Orden ohnehin in einem schlimmen Zustand waren, verfehlten die Worte der Prediger ihre Wirkung auf ernsthaft Suchende nicht.

Damit drang allerdings der Gedanke, daß der Wortlaut der Bibel der alleinige Maßstab für den Glauben sein könnte, in das Bewußtsein schlecht unterwiesener Katholiken. Manche begannen, das kirchliche Leben und die kirchliche Doktrin (soweit sie überhaupt authentisch verkündigt wurde) am Wortlaut biblischer Bücher zu messen. Publikationen wie Die Lehrentscheidungen Roms im Licht der Bibel (wie eine antikatholische Polemik aus der Schweiz der 80er Jahre titelte) fielen mit ihrer biblizistischen Lehre da und dort auf fruchtbaren Boden (und begünstigten die Ideologie katholischer „Reformgruppen“ und „Basisgemeinden“): Was nicht ausdrücklich in der Bibel geschrieben steht, könne nicht christliche Lehre sein. Somit seien die Dogmen zu Papsttum, Priestertum, Eucharistie und Maria falsch. Sie seien freie, teilweise heidnisch inspirierte Erfindungen Roms. Damit entstanden bei manchen Katholiken Konfusion, Zweifel und Gewissensprobleme.

Aber man fragte sich: Kann das stimmen, daß tatsächlich der Wortlaut der Bibel alleine maßgeblich sein soll? Wer hat eigentlich mit welcher Autorität die biblischen Bücher geschrieben und zusammengestellt? Warum haben die Protestanten sieben Bücher des Alten Testamentes ausgeschieden? Warum hinterließ Martin Luther ein Gesamtwerk von 127 Bänden mit insgesamt 80.000 Seiten (Weimarer Ausgabe), wenn doch die Bibel alleine ausreichen würde? Und warum sind sich protestantische und evangelikale Gruppen oft untereinander in Glaubensfragen uneins? Warum sind sie organisatorisch zersplittert? Warum bilden schließlich Freikirchen Theologien und Traditionen aus, die so nicht in der Bibel stehen?

Die Antwort wurde manchen schrittweise oder plötzlich klar: Sola scriptura ist eine ideologische und selbstwidersprüchliche Vorentscheidung. Sie findet sich in der Bibel nicht nur nicht, sie widerspricht ihr auch direkt (u. a. Joh 21,25). Die Bibel kann nur im Rahmen des gesamten überlieferten, katholischen Glaubens richtig verstanden werden. Außerhalb dessen kann die Exegese nur zu Konfusion und Spaltung führen.

Um auf diesem Gebiet Orientierung zu bieten, verfaßte der amerikanische Lehrer Joel Peters (St. Joseph Regional in Montvale, New Jersey), Theologe und Psychologe, bereits vor etwa zwanzig Jahren ein hochinteressantes, gut lesbares und profundes Büchlein, das der umtriebige Renovamen-Verlag soeben auf Deutsch herausbrachte:

Ausgangs- und Schlußpunkt: Martin Luther mit einem neuen Prinzip

Joel Peters stellt das Offenkundige fest: Das Sola scriptura–Prinzip ist ziemlich jung, es wurde erst von Martin Luther ausdrücklich proklamiert. Es wurde erst durch ihn geschichtsmächtig.1

Immer wenn die Parole die Bibel alleine ausgegeben wird, geht es gegen die Autorität der Kirche und den vollständigen Glauben. Das kann nur Spaltung bringen:

„Luther argumentierte mit der Schrift gegen die Kirche und steht somit am Beginn einer Trennung des abendländischen Christentums, die bis heute nicht überwunden ist“ (8).

Mit einem Hinweis auf Luther endet auch das Buch. Peters führt die Lutherschen Lehren auf dessen schlechtes Gewissen und die unvermeidlichen Rationalisierungen zurück:

„Wenn etwas über Luther mit Sicherheit feststeht, so seine tiefgehende und beständige innere Not, eine Kombination aus Zweifeln und Verzweiflung hinsichtlich seines Heiles, sowie sein Gefühl der völligen Unfähigkeit, der Versuchung zur Sünde zu widerstehen. (…) Weil nun aber das Meiden von Sünden und das Vollbringen guter Werke wesentliche Elemente zur Erreichung der ewigen Seligkeit sind, und weil eben dies immer von der Kirche gelehrt und gegen Angriffe verteidigt worden war, sah sich Luther mit seiner neuen Anschauung der Kirche vollständig entgegengesetzt. Weil die Kirche die Notwendigkeit dessen lehrte, zu dem Luther sich unfähig wähnte, griff er zu einem drastischen Mittel, um das Problem seiner Skrupulosität zu lösen: Er verwarf die Lehrautorität der Kirche (…) und behauptete, eine solche Autorität sei der Bibel entgegengesetzt. Mit anderen Worten: Luther wandte sich gegen diejenige Autorität, die ihn notwendigerweise dazu gebracht hätte, die Krankhaftigkeit seines Geisteszustandes einzugestehen“ (98ff).

Die psychologische Argumentation alleine wäre problematisch. Peters baut seine Gedankenführung daher nicht auf ihr auf, sondern auf einer in einundzwanzig, teilweise durchaus anspruchsvollen Kapiteln durchgeführten Analyse des Sola scriptura-Prinzips selbst:

Die Bibel allein: unlogisch, unredlich, undurchführbar

Peters bezieht sich zunächst auf die Selbstwidersprüchlichkeit des Sola scriptura-Prinzips:

„Der vielleicht schlagendste Grund, dieses Prinzip abzulehnen, besteht darin, daß sich in der ganzen Bibel nicht einmal ein einziger Vers findet, in dem es gelehrt wird. Das Prinzip widerlegt sich also selbst. Um das Sola-Scriptura-Prinzip zu verteidigen, wird seitens der Protestanten häufig auf Stellen wie 2 Tim 3,16–17 oder Offb 22,18–19 hingewiesen. Eine genaue Betrachtung dieser beiden Stellen zeigt jedoch schnell, daß sie sich für eine Stützung des Prinzips als vollständig wertlos erweisen“ (21).

Unter Verweis auf 2 Thess 2,15 hebt Peters die Bedeutung der dort ausdrücklich genannten mündlichen Überlieferungen (!) des Apostels hervor und fragt:

„Mit welcher Begründung wollen nun Protestanten mündliche Überlieferungen zurückweisen, nachdem die Bibel hier klar feststellt, daß solche authentischen mündlichen Überlieferungen der Apostel als gültiger Bestandteil der Glaubenshinterlage »zu halten« sind? Mit welchem Recht lehnen sie eine unmißverständliche Anordnung des hl. Paulus ab?“ (32)

Peters hebt hervor, daß die Schriften des Neuen Testamentes von Männern der schon existierenden Kirche verfaßt wurden. Die Kirche selbst stellte autoritativ den Kanon zusammen, allerdings dauerte das bis ins späte vierte Jahrhundert. Dogmatisiert wurde der Kanon erst auf dem Konzil von Trient 1546 (!). Anlaß dafür war die bis dahin undenkbare Bestreitung ebendieses Kanons durch die Protestanten (10, 108).

Zudem stellt Peters das Offenkundige fest: Die Kirche besitzt keine Autographen (also die Originaltexte, wie sie von den Autoren verfaßt wurden). Die textliche Überlieferung der neutestamentlichen Schriften ist zwar sehr gut und es gibt viele zeitnahe Abschriften. Aber den Text schlechthin gibt es nicht, die Abschriften unterscheiden sich in vielen, vorwiegend nebensächlichen, wie beim Schluß des Markusevangeliums (73) allerdings auch weniger nebensächlichen Details. Alleine dieses Faktum macht Sola scriptura unmöglich (69).

Verkündigung und Erklärung des ganzen Glaubens statt des Austeilens von Bibeln

Die hl. Schrift ist auslegungs- und erklärungsbedürftig. Da sie in einem bestimmten Gesamtzusammenhang steht, verstehen sich die Texte nicht automatisch von selbst:

„Erstens hat Christus ein aus lebendigen Menschen bestehendes Lehramt eingesetzt, das mit der Autorität Christi zu lehren hat. Christus hat seinen Jüngern nicht eine vollständige Bibel in die Hand gegeben, ihnen dann geboten, Abschriften der Bibel anzufertigen, diese in der ganzen Welt zu verbreiten und im übrigen deren Interpretation dem Belieben von Einzelpersonen anheimzustellen (…). Zweitens wird in der Bibel selbst gesagt, daß sie der Interpretation bedarf. Was letzteren Punkt betrifft, lesen wir im Zweiten Petrusbrief (2 Petr 3,16), daß in den Briefen des heiligen Paulus manches behandelt wird, das nicht ohne weiteres jedem verständlich ist: »[Wie] auch in allen seinen Briefen, wenn er von diesen Dingen redet, in welchen manches Schwerverständliche vorkommt, was die Unwissenden und Schwankenden ebenso wie die übrigen Schriften zu ihrem eigenen Verderben verdrehen.«

Aus dieser Bemerkung des heiligen Petrus erhellen drei sehr wichtige Dinge (…): a) Die Bibel enthält Passagen, die keineswegs leichtverständlich oder klar sind (…). b) Es ist nicht nur eine bloße Möglichkeit, daß Menschen den Sinn der Schriften »verdrehen«, sondern dies geschah faktisch bereits seit den ersten Tagen des Bestehens der Kirche. c) Das »Verdrehen« des Schriftsinns kann für denjenigen, durch den es geschieht, das eigene »Verderben« zur Folge haben, und stellt somit eine echte Katastrophe dar. – Offensichtlich glaubte also der heilige Petrus nicht daran, daß die Schrift die einzige Glaubensregel sei“ (43ff).

Es folgt also, daß die Bibel „keine eigenständige Funktion“ gegenüber der Kirche hat (55). Aus dieser ging sie ja hervor.

Die Bibel, natürlich auch das Alte Testament, ist eingebettet im Gesamtzusammenhang des gesamten Glaubensgutes. Sie versteht sich nicht von selbst.

Auch derjenige, der das behauptet, bringt zwangsläufig, aber meist unbewußt, seine eigenen Verstehensvoraussetzungen und theologischen Vorentscheidungen mit und stülpt sie dem Wortlaut der hl. Schrift über.

Resümee

Das Studium der hl. Schrift ist gut und notwendig. „Wer die Schrift nicht kennt, kennt Christus nicht“, sagte der hl. Hieronymus. Da aber auch in die Kirche viele eigenmächtige und falsche Interpretationen der Schrift eingedrungen sind, oft über den Kontakt von charismatischen Bewegungen mit Freikirchen, kann dieses Studium sinnvollerweise nur im Rahmen des gesamten überlieferten Glaubens geschehen.2

Vorliegendes Buch wird zum Verständnis des Zusammenhangs von Schrift und Kirche beitragen und vielen, die sich hier im Zweifel befinden, Klarheit verschaffen können.

Im übrigen ist es ja so, daß eine bestimmte Form Sola scriptura-Prinzip in die Katholische Kirche selbst eingedrungen ist: Anhänger der historisch-kritischen, der feministischen, der materialistischen und anderer Spielarten „moderner“ Exegese haben praktisch die Bibel gekapert und gerieren sich als deren unfehlbare Interpreten. Dabei wird vom Gesamtkontext des Glaubens und der Tradition abgesehen – und häufig vom Wortlaut der biblischen Texte selbst.3

Damit wird die Bibel nur mehr zur Projektionsfläche für alle möglichen Lieblingsideen „moderner“ Theologien. Sie wird dadurch ihrer eigentlichen, kirchlichen Bedeutung entkleidet – wie schon bei Martin Luther und den anderen „Reformatoren“. –

Joel Peters bietet einen guten Einblick in die Problematik. Die Argumentation ist gut verständlich, manchmal allerdings durchaus anspruchsvoll.

Die deutsche Übersetzung ist gut gelungen. Hilfreich sind die Anmerkungen, die der Verlag der deutschen Ausgabe beigegeben hat.

Möge das Buch AMDG seinen Beitrag zur Überwindung falscher Lehren leisten.

*Wolfram Schrems, Wien, Mag. theol., Mag. phil., Katechist, Pro Lifer, reiche Erfahrung in der Auseinandersetzung mit protestantischen Positionen.


1 Es hatte aber in gewisser Weise schon bei den Arianern im Altertum existiert, wie Michael Fiedrowicz anderswo darlegte (vom Herausgeber der vorliegenden Ausgabe auf S. 103 zitiert).

2 Es sei deutlich festgehalten, daß hier keine Verurteilung protestantischer und evangelikaler Christen beabsichtigt ist, die nach bestem Wissen und Gewissen handeln.

3 Karl Rahner und Herbert Vorgrimler werten in ihrem Kommentar zur Dogmatischen Konstitution Dei Verbum im Kleinen Konzilskompendium die Tradition ab und fordern (etwas verklausuliert), daß die Schrift alleine zu gelten habe, allerdings in der Auslegung der historisch-kritischen Exegeten. Damit wäre die Schrift ihrerseits komplett zunichte gemacht.

Quelle: katholisches

04.04.2021 Worte von Bruder Johannes Paul CFM.SCJ

Bruder Johannes Paul CFM.SCJ, Herz Jesu Franziskaner
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My name is brother Johnannes Paul of the Franciscan congregation of the sacred heart of Jesus. I want  to wish all members of the  fransciscan congregation a joyous Easter celebration, and we should not forget that Christ has risen for our sake and we have no need to be afraid of the evil on earth because satan has been defeated for our sake.

Gregorianischer Choral – Ostern

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Aus dem Heiligen Evangelium nach Markus – Mk 16,1-7

Quelle: CFM.SCJ Archiv Yaoundé

Als der Sabbat vorüber war, kauften Maria aus Magdala, Maria, die Mutter des Jakobus, und Salome wohlriechende Öle, um damit zum Grab zu gehen und Jesus zu salben.
Am ersten Tag der Woche kamen sie in aller Frühe zum Grab, als eben die Sonne aufging.
Sie sagten zueinander: Wer könnte uns den Stein vom Eingang des Grabes wegwälzen?
Doch als sie hinblickten, sahen sie, dass der Stein schon weggewälzt war; er war sehr groß.
Sie gingen in das Grab hinein und sahen auf der rechten Seite einen jungen Mann sitzen, der mit einem weißen Gewand bekleidet war; da erschraken sie sehr.
Er aber sagte zu ihnen: Erschreckt nicht! Ihr sucht Jesus von Nazaret, den Gekreuzigten. Er ist auferstanden; er ist nicht hier. Seht, da ist die Stelle, wo man ihn hingelegt hatte.
Nun aber geht und sagt seinen Jüngern, vor allem Petrus: Er geht euch voraus nach Galiläa; dort werdet ihr ihn sehen, wie er es euch gesagt hat.